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Der russische Markt bleibt einer der wichtigsten

Falk Tischendorf, geschäftsführender Partner von Beiten Burkhardt, behandelt die Aspekte der Geschäftstätigkeit in Russland

30 März, 2016
Der russische Markt bleibt einer der wichtigsten

Lassen Sie uns vom Anfang beginnen, erzählen Sie Ihre Geschichte. Wann sind Sie auf den russischen Markt gekommen, und warum gerade Russland? Womit haben Sie als Unternehmer angefangen?

Das Moskauer Büro von BEITEN BURKHARDT wurde 1992 gegründet. Es wurde zum ersten Büro einer großen deutschen Rechtsfirma in Russland. Ich bin in Russland über 14 Jahre lang tätig. Wir beraten internationale Firmen sowie deutsche und russische Unternehmen aus absolut unterschiedlichen Branchen. Größtenteils vertreten diese Unternehmen solche Branchen wie Maschinenbau, Automotivindustrie, Produktion von Baustoffen und Holzbearbeitung, Informationstechnologien und Massenmedien, Nahrungsmittelindustrie, chemische und pharmazeutische Industrie und Produktion von Konsumwaren. Für unsere Kunden war und bleibt der russische Markt einer der wichtigsten Märkte der Welt. Wir betrachten ihn auch genauso. Im Laufe der vergangenen 24 Jahre haben wir unsere Tätigkeit in Russland ständig und erfolgreich entwickelt und erarbeiten diese Richtung weiter.

Geschäft ist ein „Teamspiel“. Die Rolle der Personen, die „mit dir“ und „für dich“ arbeiten, ist sehr wichtig. Wie schätzen Sie die Qualifikation der russischen Spezialisten ein?

In Russland, wie in jedem anderen Land, gibt es verschiedene Spezialisten. Unter ihnen gibt es eine wirklich große Anzahl von guten Spezialisten, aber es ist überall und jederzeit nicht einfach, erstklassige Spezialisten zu finden und sie in der Firma zu halten. Man muss ins Personal ständig „investieren“ und es schulen. Viele deutsche Firmen legen in Russland darauf ein besonderes Augenmerk und entwickeln, zum Beispiel, die Zusammenarbeit mit Universitäten oder implementieren die Weiterbildungsprogramme in Betrieben. Für eine erfolgreiche Arbeit ist es wichtig, die Arbeitsstandards, Erwartungen ursprünglich festzusetzen und den Prozess ständig zu kontrollieren. Kommunikation und Fehlerberichtigung sind wichtig. Das ermöglicht das Vorwärtskommen.

 

Üben Sie die außenwirtschaftliche Tätigkeit in anderen Staaten aus, die zur Euroasiatischen Wirtschaftsunion gehören?

Viele Firmen, deren Tätigkeit wir in Russland begleiten, arbeiten auf dem kasachischen, weißrussischen, armenischen und kirgisischen Markt. Wir arbeiten dementsprechend auch mit dortigen Rechtsfirmen in diesen Ländern eng zusammen.

Wie denken Sie, ist es leicht, im einheitlichen Zollgebiet zu arbeiten? Gibt es Unterschied zwischen den Geschäftsbedingungen in Russland, Kasachstan, Weißrussland? Wie stark unterscheiden sich die Herangehensweisen zur Geschäftsführung in Russland und europäischen und westlichen Ländern?

Der einheitliche Wirtschaftsraum bietet für das Geschäft zweifellos eine ganze Reihe Vorteile, aber jedes Land weist seine Besonderheiten auf. Auch im Rahmen von Europa selbst unterscheidet sich, zum Beispiel, die deutsche Geschäftsmentalität von der französischen oder einer beliebigen anderen. Besonders deutlich ist es am Beispiel der Europäischen Union zu sehen. Außerdem hat fast jedes Unternehmen seine besondere Geschäftskultur und ist darauf stolz. Geschäftspraktiken sind nicht universell. Aber das hindert die Firmen nicht, weltweit zusammenzuarbeiten. Das Schlüsselwort ist gegenseitiges Interesse. Es ist gerades das, was größtenteils ermöglicht, Hindernisse zu überwinden.

Wie haben die Änderungen der Währungskurse Ihre außenwirtschaftliche Tätigkeit beeinflusst?

Ein krasser Fall des Rubels und eine hohe Volatilität der Währungskurse beeinflussen natürlich unser Geschäft. Sie betreffen direkt die Geschäftstätigkeit der Unternehmen, die wir in Russland beraten, und zwar, absolut aller Unternehmen. Das trifft für diejenigen zu, die ihre Produkte nach Russland liefern, sowie für diejenigen, die in Russland ihren Standort haben und hier Waren produzieren; und es gibt eine große Anzahl von solchen Unternehmen. Die Firmen, die ihre Produktionsstandorte in Russland haben, importieren einen Teil der Komponenten, die sie für die Endproduktfertigung in Russland benötigen. Und der Import dieser Komponenten ist oftmals doppelt so teuer geworden.

Für viele Unternehmen ist es wirtschaftlich ziemlich kompliziert oder gar unannehmbar. Das bezieht sich auch auf die Beziehungen zwischen russischen Unternehmen, falls sie Zahlungen gemäß Vertrag zu einem bestimmten Wechselkurs vereinbart haben. Hier existieren natürlich mehrere rechtlichen Varianten – von der Anbindung an den Währungskurs mittels der Preisabstimmungsformel und bis zur Währungsbandbreite. Aber rechtliche Konstruktionen können die Frage der wirtschaftlichen Begründetheit eines Projektes nicht lösen. Deswegen existiert eine Vielzahl von Projekten, die wirtschaftlich revidiert werden müssen, weil mindestens eine der Parteien einen Vertrag unter bestimmten Bedingungen nicht abgeschlossen hätte, wenn sie zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses von diesen Änderungen gewusst hätte.

Eine Frage der großen Steuerlast auf das Geschäft wird in der letzten Zeit immer öfter zur Sprache gebracht. Wie denken Sie, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, damit das Geschäft „leichter aufatmen“ kann?

Im Vergleich zu Deutschland ist es schwierig, über eine erhöhte Steuerlast in Russland zu sprechen. Es gibt diejenigen, die behaupten, dass das russische Steuersystem aus der Sicht der Struktur und des Inhalts besser als das deutsche Steuersystem ist. Die steuerlichen Lockerungen werden von den Firmen immer begrüßt, aber die Steuerlast ist kein entscheidender Faktor in sich selbst, wenn über die Investierung in Russland entschieden wird. Wenn Firmen daran denken, ob sie in Russland investieren sollen oder nicht, dann ist nicht nur das russische Steuersystem der Grund für Überlegungen.

Bei der Beschlussfassung über eine eventuelle Lage der Produktionsstätte sollen die Firmen langfristig planen. In der Endkonsequenz geht es immer um die Rentabilität der Investitionen und im Falle von großen Projekten um eine Einschätzung von Perspektiven für mehr als fünf Jahre. Je komplizierter und langfristiger ein Projekt ist, desto schwieriger ist es, einen klaren Überblick über das Verhältnis zwischen den Kosten und Gewinn zu bekommen. Deswegen habe ich jetzt das Gefühl, dass hinsichtlich der Situation in Russland nicht um die Reduzierung der Steuerlast geht.

 

Maßgebend ist jedoch die Frage, ob eine Firma wirklich alle eventuellen Kosten in Russland auf langfristige Sicht in Betracht ziehen kann. Leider erscheint es nicht immer möglich. Mit anderen Worten geht es um die langfristige Planung und nicht um Zwei- oder Dreiprozent-Steuersatz.

In den letzten Jahren erfolgten in Russland sehr viele Änderungen, insbesondere was die Geschäftsführung betrifft. Die Agentur der strategischen Initiativen hat, zum Beispiel, die nationale unternehmerische Initiative in die Wege geleitet und erfolgreich realisiert. Dank dieser Initiative konnten die Hindernisse reduziert werden, die die Geschäftsentwicklung im Land verhindern. Was denken Sie darüber? Vor fünf Jahren war zum Beispiel alles ganz anders, sind diese Änderungen deutlich erkennbar?

Diese Änderungen sind zweifellos deutlich erkennbar, und die Agentur der strategischen Initiativen hat in diesem Sinne einen nicht abschätzbaren Beitrag geleistet. Es ist eine große Leistung, dass Russland in der Doing Business Rating der Weltbank vom Platz 123 im Jahre 2011 auf Platz 51 jetzt gelandet ist. Wir sehen solche Änderungen insbesondere im russischen Rechtswesen, das attraktivere Investitionsbedingungen anbietet. Die wichtigste Reform des Zivilrechtes hat eine Reihe Änderungen nach sich gezogen, die von den Geschäftskreisen gut wahrgenommen wurden. Zum Beispiel die Möglichkeit, mehrere Geschäftsführer zu bestellen, Optionsvereinbarungen abzuschließen, sowie Änderungen im Bereich von einstweiligen Maßnahmen. Leider ist dieser Erfolg vor dem Hintergrund der Diskussionen über die Wirtschaftslage, Sanktionen und politische Schwierigkeiten ein bisschen an Bedeutung verloren.

Welche Verwaltungshindernisse in der Russischen Föderation bedürfen Ihrer Meinung nach einer weiteren Vereinfachung/Behebung, und warum?

Wenn jemand, zum Beispiel, wie ich, aus Deutschland kommt, so muss man akkurat sein, wenn es sich um die Kritik der Bürokratie handelt. In Russland wird man selbstverständlich in vielen Angelegenheiten mit zu vielen Formalitäten konfrontiert. Das betrifft vor allem den offiziellen Dokumentenumlauf.

 

Außerdem macht die rechtliche, steuerliche oder buchhalterische Bedeutung der Unterlagen in Papierform das Leben nicht einfacher. Außerdem sprechen Beamten und Geschäftsleute häufig eine ganz andere Sprache. Allgemeine Antworten auf ziemlich konkrete Fragen ermöglichen keine Beschlussfassung, führen zu weiteren Kosten, Zeitverschwendung und verhindern die Umsetzung interessanter und wichtiger Projekte. Und ich möchte diesbezüglich wünschen, dass die Angestellten der Ministerien und Ämter ihre Tätigkeit als eine aktive Unterstützung bei der Projektumsetzung in ihrem eigenen Land betrachten und über den Tellerrand hinaus schauen. Aber das bezieht sich übrigens nicht nur auf Russland und nicht auf alle staatlichen Behörden.

Im Zusammenhang mit den Sanktionen hören wir oft, dass das Interesse eines ausländischen Investors an Russland nachlässt. Wie meinen Sie, hindern gerade die Sanktionen die Investoren daran, nach Russland zu kommen, oder gibt es andere Gründe dafür, zum Beispiel viele bürokratische Vorgänge, Hindernisse, Korruption letztendlich?

Gestatten Sie mir anfangs, mich über die Sanktionen kurz zu äußern: die Diskussionen darüber, ob die Sanktionen Sinn machen oder nicht, ob diese Sanktionen auf etwas einwirken können, und falls diese einwirken, dann worum es sich handelt, werden seit April 2014 aktiv geführt. Wenn man vom Gegensätzlichen ausgeht, so kann man eine rhetorische Frage stellen: können Sanktionen gegen einen konkreten Markt eingeführt und dabei aktiv besprochen werden, wenn dieser Markt nicht von Interesse ist? Der Wunsch, mit dem die ziemlich überwiegende Mehrheit der Geschäftsvertreter für die Abschaffung der Sanktionen plädiert, zeugt gerade davon, inwieweit der russische Markt interessant ist und inwieweit er in der Zukunft interessant sein wird.

Momentan gilt wohl eben die aktuelle wirtschaftliche Situation als Faktor, der aus der Sicht der langfristigen Planung viele Unternehmen vor die Frage stellt, ob es sich lohnt, in Russland zu investieren und auf welche Art und Weise? Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass der Großteil der deutschen Investoren in der ganzen Welt das mittelständische Geschäft vertritt.

 

Viele von denen waren ursprünglich Familienbetriebe oder sind es auch heute noch. Diese Unternehmen investieren in der Regel ihr eigenes Kapital. Wenn wir uns vorstellen, dass die Entscheidung über die Investierung insbesondere in die Lokalisierung der Produktionsstätte innerhalb eines längeren Zeitraums die Entwicklung des Unternehmens beeinflussen wird, wird es klar, dass Investitionen in Anbetracht der aktuellen Wirtschaftslage ein großes Fragezeichen sind. Einerseits haben diese Investitionen eine langfristige Kapitalanlage zur Folge. Eben darum sind für solche Firmen langfristige Planung und Rentabilität so wichtig. Andererseits kann die nachfolgende "Fehlerberichtigung" nur unter Berücksichtigung der wesentlichen finanziellen Verluste erfolgen.

Im Endeffekt hat die optimale Verbindung von Faktoren für ein konkretes Projekt die entscheidende Bedeutung. Zu diesen Faktoren gehören neben dem Marktpotential die Stabilität und Transparenz der rechtlichen und Verwaltungsvorgänge, die Zusammenwirkung mit örtlichen und föderalen Behörden, personelle Fragen und die Gehaltauszahlung, Qualifikation des Personals, Transport, Infrastruktur und Logistik, Möglichkeiten für Studien und innovative Entwicklung sowie die soziale Umgebung.

Haben Sie irgendwelche Wünsche für einen westlichen Investor/Unter-nehmer, der ein Geschäft in Russland beginnen möchte, oder irgendwelche Warnungen?

Am wichtigsten ist für jedes Investitionsprojekt in Russland (genauso wie in jedem anderen Land übrigens) eine gründliche Vorbereitung des Projekts. Ohne klares Verständnis dafür, wie das Projekt der russische Partner sieht und was er vom Projekt erwartet, sowie ohne klare Vorstellung des gültigen russischen Rechtes und den Verwaltungsvorgängen ist es in Russland sehr schwierig, ein Projekt umzusetzen. In der Tat muss man alles daran setzen, damit im Laufe der Projektrealisierung keine Überraschungen passieren. Man darf die Zeit- und Kostenaufwand nicht unterschätzen, mit denen die Vorbereitung zur Projektumsetzung verbunden ist. Aber diejenigen, die gut vorbereitet sind, können ausgerechnet heute in Russland erfolgreich sein, wann dieses Land aus der Sicht der antizyklischen Investitionen von sehr großem Interesse ist.

Quelle: Die Agentur für Strategische Initiativen

 
 

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